Philosophie – im Dialog und im Bild

Sprache und Erkennen

Mein erstes philo­sophisches Bildungs­erlebnis hatte ich zu Beginn meines Studiums in der Vorlesung Metaphysik von Hermann Krings. Als er zu Parmenides kam, dem griechischen Philo­sophen, der von ca. 515/510 bis ca. 450 v. Chr. in Elea, Süditalien, lebte, wies er mit Nach­druck darauf hin, dass hier zum ersten Mal in der abend­ländischen Geschichte ‚sich das Denken selbst einholt‘. Mit anderen Worten: Hier hat einer nicht nur gefragt: „Ist das richtig, was ich denke?“, sondern auch: „Ist es richtig, wie ich denke?“ Damit ist eine Aufgabe formuliert, der wir uns täglich stellen müssen, wenn wir unsere geistige Freiheit erhalten wollen.
Das zweite war die Lektüre von Rudolf Carnaps (1891–1970) Aufsatz Über­windung der Meta­physik durch logische Analyse der Sprache (1931/32), in dem er am Beispiel Martin Heideggers (1889–1976) die Sinnlosigkeit weiter Bereiche des tradierten philo­sophischen Denkens zu belegen versuchte. Auch wenn ich Carnap so weit nicht folge – es bleibt das Wissen um ein unaufhebbares Dilemma: Mit zunehmender Strenge des Denkens verkleinert sich der Bereich möglicher Aus­sagen über die Welt bzw. verschiebt sich die Grenze zwischen Philo­sophie und Kunst.

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Gelassenheit der Zunge ist ein Lebensbaum | מַרְפֵּא לָשׁוֹן עֵץ חַיִּים  | marpä laschon etz chajim (Spr 15,4)
Gelassenheit der Zunge ist ein Lebensbaum | מַרְפֵּא לָשׁוֹן עֵץ חַיִּים | marpä laschon etz chajim (Spr 15,4); Aquarell und Tempera, 40 x 30 cm

Der Vers findet sich in Kap 15 des Buchs der Sprüche und lautet vollständig in der Übersetzung von Tur Sinai: „Gelassenheit der Zunge ist ein Lebensbaum und Falschheit an ihr Wunde im Gemüt.“ „Marpä laschon“ wäre demnach eine Rede, die sich nicht durch üble Affekte von der Wahrhaftigkeit abbringen lässt. Eine Bedeutungsverschiebung findet sich in der Vulgata, welche die „lingua placabilis“, die „friedfertige oder versöhnliche Sprache“ der unbeherrschten entgegensetzt. Das Wörterbuch von Gesenius nennt als erste Bedeutung von „marpä“ „Heilung“ und „Heilungsmittel“. In diesem Sinne übersetzt die Septuaginta den Ausdruck mit „ἴασις γλώσσης“ (iasis glossäs), „eine Sprache, die Heilmittel“ ist, eine Interpretation, der auch Luther folgt: „Ein heilsame Zunge ist ein bawm des lebens“. Für mich gehören beide Interpretationen zusammen: Nicht hoch genug kann die Bedeutung einer gelassenen und möglichst auch heilsamen Sprache für unsere Welt eingeschätzt werden, in der dieser Baum des Lebens noch zu wenige Wurzeln hat.


In die Stille hinaus – Tractatus logico-philosohicus
In die Stille hinaus – Tractatus logico-philosohicus; Acryl auf Leinwand, 60 x 60 cm

In seinem ersten Hauptwerk Tractatus logico-philosophicus, das 1921 erschienen ist, hat der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein versucht, die Philosophie als strenge Wissenschaft zu begründen und damit alle philosophischen Probleme endgültig zu lösen.
Alle nicht streng logischen Sätze sind – als philosophische – unsinnig. Sie verweisen auf „das Mystische“, aber das ist unaussprechlich. Und so lautet der Schluss-Satz des Traktats: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“


Paradigma
Paradigma; Acryl auf Leinwand, 100 x 70 cm

Der von Thomas Samuel Kuhn (1922 - 1996) in mehreren Fassungen in die wissenschaftliche Diskussion eingeführte Begriff des „Paradigmas“ ist sehr umstritten. In dieser Diskussion wurde aber zumindest deutlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht (nur) ein vernünftiger Prozess, sondern (auch) ein Streit um Deutungshoheiten ist – in der trivialsten Fassung als Kampf um Forschungsgelder.


Die Bilder lügen wie gedruckt – und Tarskis Wahrheitstheorem
Die Bilder lügen wie gedruckt – und Tarskis Wahrheitstheorem; Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm

Das auf Tarski zurückgehende Wahrheitstheorem wurde von ihm in erkenntnistheoretischer Absicht formuliert – auf dass wir uns nicht in den semantischen Netzen unserer Sprache verfangen.
Ich lese es als moralischen Imperativ, nicht voreilig aus den Bildern und Wörtern, in deren Geflecht wir verstrickt sind, Realität zu konstruieren.


Ch.S.Peirce: How to Make Our Ideas Clear
Ch.S.Peirce: How to Make Our Ideas Clear; Frottage, Pastell und Buntstift auf Zeichenpapier, 42 x 29,7 cm
Auflage: 26 von 100

How to Make Our Ideas Clear (Wie unsere Ideen zu klären sind) ist der Titel eines 1878 erschienenen Aufsatzes von Charles Sanders Peirce (1839–1914). Der Philosoph war der Begründer des Pragmatismus, einer philosophischen Richtung, die die Verbindung von Theorie und Praxis anstrebte und Erkenntnis in der Gemeinschaft der Diskutierenden verortete. Auf dieser Grundlage sollte dann auf lange Sicht richtige Erkenntnis zu gewinnen sein. In dem Aufsatz führt er aus, dass die traditionelle Philosophie Klarheit und Deutlichkeit der Ideen nur auf der logischen Ebene verortet hat und damit sinnleer bleibt. Klarheit könne nur entstehen, wenn wir unsere Gedanken über die Realität auf die logischerweise aus ihnen resultierenden Handlungen beziehen.


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